Es ist schwer die vergangenen 13 TAGTRAUMjahre in ein paar knappe Sätze zu fassen, vielzuviel wurde er-, durch-, und überlebt, aber ich versuche es so kurz wie möglich zu machen:

Für mich fing die Geschichte nicht mit TAGTRAUM an sondern erstmal mit Barni und mir, und einem Gefühl, diesem einen Gefühl welches sich jedem Wortsinn entzieht. Es gab und gibt wirklich kein Wort dafür, welches ausreichen würde das zu beschreiben was ich meine...aber doch in Worten:

Wir waren ca. 12 Jahre und liessen nichts aus um Punks zu sein, oder das was wir eben dafür hielten... wir führten uns so unmöglich auf wie möglich, wir sahen so aus, hingen im Kulturhaus Schreinerei rum und in Würzburg am Bahnhof (wow), wir hörten unsere Lieblingsplatten, rauchten und tranken soviel Alkohol wie nur möglich und unsere poltische Meinung war von linken Parolen geprägt. Wir wollten raus aus dieser Enge der Stadt, der Schule und irgendwie allem...und ja dann probierten wir irgendwann die Lieder von unseren Lieblingsplatten, die uns soviel Ideen, Meinung und Freiheit gaben, nach zu spielen und zu singen. Da wir das aber nicht so gut konnten (das sollte ja bis heute so bleiben), haben wir dann angefangen uns eigene Sachen auszudenken...und das war gut so, denn dann gab es erstmal niemanden mehr der sagte "im Original klingt das aber anders bzw. besser" oder "du kannst doch gar nicht singen oder Gitarre spielen". Es gehörte einfach uns und so schlecht es vielleicht auch damals klingen mochte, das war nicht der Punkt, denn das waren wir und es konnte uns niemand mehr nehmen...das war der Zeitpunkt als mir klar wurde ich muss Musik machen... koste es was es wolle...

Barni und ich hatten nun einen ständigen Wechsel an Musikern, was aber hauptsächlich daran lag, dass es niemand so ernst mit dem Musikmachen sah wie wir, und wir uns wohl auch teilweise unmöglich und beängstigend aufführten...Wir spielten irgendwie immer mehr Konzerte unter dem unglaublichen Namen Untergang aber wir waren stolz wie sonst was und es gab auch plötzlich Leute die das gut fanden was wir da machten (nochmal wow)...

April 1993 nannten wir uns dann aber endlich von Untergang in TAGTRAUM um, ich wollte das erst gar nicht, obwohl die Namensidee von Sanne und mir kam, war dann aber doch sehr froh darüber diesen Schritt gegangen zu sein...ähnlich wie heute! Die Kreise schließen sich doch immer wieder...

Das war dann also der Beginn unserer TAGTRAUMzeitrechung. David kam im Mai 1993 zu uns, er hatte vorher nie einen Bass in der Hand gehabt wollte aber bei uns Bass spielen. Man muss dazu sagen das er eine Ikone jedes lokalen Punkrockers war, sozusagen eine lebende Legende, und auch noch drei Jahre älter als wir, wow! Ich hatte also ziemlich Angst und Bedenken vor der ersten Probe, aber das Eis war schnell gebrochen und ich ziehe den Hut vor so viel Liebe, Mut und Danke für eine unglaublich große Freundschaft, die sicher alles überdauern wird.

Ja und dann kam natürlich endlich Tobi an Bord, November 93, nachdem uns unsere Schlagzeugerin verlassen hatte. Er war dato der beste Schlagzeuger in Schweinfurt und Umgebung und es brauchte viel Überredungskunst ihn davon zu überzeugen mit uns nur eine Probe zur Probe zu machen. Was ihn dann letztendlich aber davon überzeugt hat, dass wir TAGTRAUM zusammen machen müssen war wohl das, was ich jetzt gleich zu beschreiben versuche...Wir standen also in diesem schimmligen und eiskalten Proberaum, besprachen den Ablauf eines Liedes und fingen an zu spielen und es war als hätten wir nie etwas anders gemacht oder als hätten wir nie jemanden anderen gesucht oder gebraucht. Alles, wirklich alles stimmte. Nur wir vier für das hier, es war magisch, wie die Momente als Barni und ich anfingen Lieder zu schreiben...und ich hatte das erste mal das Gefühl, dass es wirklich Musik war was wir da machten. Für mich stand fest wir vier sind TAGTRAUM und wir werden noch einiges zusammen erleben...

1994-1996 nahmen wir unsere ersten Demotapes auf und spielten wo und was wir konnten...

1997 machten wir die ersten längeren Touren u.a. mit U'll C (einer leider immer viel zu unterschätzten Band, die uns sehr viel geholfen haben), und spätestens ab jetzt wusste ich, ich will niemals etwas anderes mit so viel Liebe und Energie machen wie Musik. Es gibt nichts schöneres, nichts besseres nichts geileres, nichts was so nah am Leben ist, ausser das hier...

Es war zwar immer alles andere als komfortabel wenn wir unterwegs waren, mal mit Davids altem Jetta (der hat sogar glaube ich für uns sein Leben gelassen, oder?!) oder teilweise zu sechst und mit vollem Equipment in einem alten Mitsubishi Bus, später dann sehr oft mit Max IVECO und der unvergesslichen Schlafhöhle...jeden Tag woanders sein und nette Menschen kennenzulernen und mit meinen Freunden zusammen Musik zu machen, zusammen einschlafen, zusammen aufwachen, alles und nichts teilen...das war alles was ich wollte...so machten wir es auch, wir ließen alles da wo es sein sollte und machten weiter und weiter und weiter...

Ich werde nie vergessen wie der dicke Laster vor Sannes und meiner ersten Wohnung anhielt und unsere D.I.Y.Version der Trotz & Träume CDs anlieferte und wir gemeinsam mit leuchtenden Augen die Schachteln aufrisse und uns in unseren ersten eigenen CDs badeten...

Es kamen viele Platten auf Vitaminepillen Records, viele Touren mir befreundeten Bands, alles unvergessliche Tage, die ich niemals missen möchte...aber wir wurden älter und Vorstellungen und Wege ändern und trennen sich bekanntlich und so kam es das 2001 Barni und David sich entschieden die Band zu verlassen. Beide hatten dafür ihre eigenen Gründe, Tobi und ich hätten nicht weitergemacht, wären zu dem Zeitpunkt nicht zwei Lieder in meinem Kopf gewesen, Herr Rossi und Hand auf's Herz! Und wenn David uns eben nicht gebetenhätte nur einmal mit Jörg zu proben, weil er es so schade fand, dass Tagtraum aufhören würde, denn so kam eines zum anderen.

Jörg kannten wir noch von früher, er war schon immer ein unglaublicher Bassist und eh schon ein Freund und wirwaren sehr gespannt wie das wohl sein würde...Herr Rossi und Hand auf's Herz, das waren also die ersten Lieder, die wir zu dritt probten und wirklich, da war diese Magie, wie ich sie nun schon zum dritten Mal ansprechen muss, wir hatten zwar mittlerweile einen weitaus komfortablen Proberaum, aber für einen Moment roch es wie damals, nach Elektrizität und...

Wir sprachen wieder das Lied ab und dann spielten wir, Bass und Schlagzeug waren EINS, wie eine Welle die mich erwischte und mitriss. Ich schaute Tobi an und er schaute mich an, Tobi nickte und ich nickte, ich sah Jörg an, er hatte die Augen zu, ich schloß meine und dann spielte ich mit...ich spielte als wäre der Teufel hinter mir her und das war er vielleicht ja auch, ich sang als wäre es das letzte Mal das ich singen dürfte und es war gut, es tat so gut.
Ich konnte die Töne und die Musik fühlen und in mir drinnen umarmen und festhalten und ich fühlte mich zu Hause...und auch Tobi und Jörg waren nach dieser Probe sofort davon überzeugt, dass das gut war...

Es brauchte dann zwar eine Weile bis wir zu dritt so am Start waren wie wir es zu viert waren, ich musste viel viel Gitarre üben, alte Lieder mussten leicht umarrangiert werden, viele gestrichen und natürlich viele viele Neue her aber im großen und ganzen machten wir so weiter wie bisher...Lieder schreiben, Platten aufnehmen und Touren. Das klingt jetzt ganz schön abgebrüht, ist es aber gar nicht...

Wir verliessen 2003 Vitaminepillen Records, auch hier hatten sich musikalisch Wege getrennt. Zum Glück fanden wir bei unserem alten Freund Oise und seinem feinen Label "Dancing in the Dark" ein schönes Indiezuhause...
Wir veröffentlichten unser Album „Komm lass es echt sein“ nocheinmal dort und eine dazugehörige Single mit unveröffentlichten Stücken und einem Videotrack.

Je älter man wird, desto schneller rennt die Zeit und wir schreiben schon 2006. Wir sind jetzt alle knapp 30 (naja, äußerlich!) und ich blicke heute auf diese vielen Bandjahre zurück, ich habe ein Platz in meinem Herzen voll unglaublicher Erinnerungen, die ich mit den besten Menschen die ich kenne teilen darf und auch so behalten will...und weil Neil Young's "it's better to burn out then to fade away" stimmt und jeder seine Zeit erkennen und auch nehmen sollte, wollen wir jetzt wieder los, was neues anfangen...
dahin gehen, wo das Licht herkommt, auch wenn es momentan noch blendet und nichts zu erkennen ist...

Die Zeit und Lieder bleiben in unseren und euren Erinnerungen gut aufgehoben und lebendig, das weiss ich. Und wir gehen (jetzt) um zu bleiben.

Ein letztes Punk & Liebe,

Matze, März 2006


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